David Emling

"It's alright, Ma, it's life and life only." (Bob Dylan)

Kategorie: Zitat des Monats (Seite 1 von 3)

Tage schaffen

„Also greife ich nach meinem Handy, öffne Instagram und suche nach irgendetwas, das mich ablenkt oder aufmuntert. Nach ein paar Minuten stoße ich auf einen Beitrag, in dem steht, dass man den Kindern zum Beikoststart die Nudeln ohne Sauce anbieten soll. Wieder was falsch gemacht. Wieder einen Tag geschafft.“ (Yasmin Polat, „Im Prinzip ist alles okay“)

In diesem Zitat wird der ganze tägliche Kampf, den Mütter (und Väter, wenn sie aktiv sind und sein wollen) mit ihren Kindern führen, greifbar. Das Leben mit kleinen Kindern ist unglaublich anstrengend und kraftraubend, dazu kommen, wie Yasmin Polat wunderbar beschreibt, die Ansprüche, die man sich als Elternteil selbst auflegt, zu meinen, man muss alles perfekt machen, woran man nur scheitern kann.

Erzählungen der Kindheit

Der Glaube, man halte diese Momente damit fest, ist ein Trugschluss, in Wahrheit verliert man sie, die tatsächlichen Erinnerungen werden durch diese Videos ersetzt. Doch die andere, nicht erzählte Seite der Geschichte, die gefühlte Geschichte, lässt sich nie verbergen. Sie ist schrecklich unpräzise, sie würfelt die Räume und die Jahre durcheinander, sie verzerrt die Dinge, Kleinigkeiten werden gigantisch groß, während der raumgreifende Alltag bis zur Unkenntlichkeit schrumpft. Und so entsteht eine offizielle und eine inoffizielle Erzählung der Kindheit. (André Hille, „Jahreszeit der Steine“)

Ein Tag im Leben eines Familienvaters mit allen Pflichten, Sorgen, Anstrengungen. Hier schaut der Vater Bilder von früher mit seinen Kindern an – und wer kennt es nicht, das Eintauchen in eine andere Zeit, die man nur bruchstückhaft erinnert und sie gerade deshalb zurückwünscht?!

Historische Wirklichkeit und Ewigkeit

„Und nachdem noch einige Zeit vergangen war, kam es mir allmählich vor, als wäre nichts dergleichen gewesen, als wäre es eine Vision gewesen, ein kurzzeitiger Einbruch der Ewigkeit in jene zufällige historische Wirklichkeit, in der wir lebten, fremde Wörter in einer fremden Sprache benutzten, nicht wussten, wohin wir gingen, und vergessen hatten, woher wir kamen.“ (Gaito Gasdanow, Eine Seelenmesse)

Kaum treffender kann die Absurdität unseres Daseins, unserer kurzfristigen historischen Wirklichkeit in diesen Tagen beschrieben werden wie von diesem wunderbaren russischen Autoren.

Eisige Welt

 

„Etwas erzählen, was nur ich weiß. Und wenn es jemand liest, weiß es noch jemand. Für die wenigen Minuten, in denen er die Geschichte liest, in der unendlichen, eisigen Welt.“

„Ich muss nicht ertrinken in diesem Meer. Es kann auch alles darin versinken, es liegt nun an mir.“ (Helga Schubert, Vom Aufstehen)

Wie könnte man besser beschreiben, wie wichtig Literatur in unserer momentanen Welt ist?!

Für Ludwig Fels

Zum Tode des Lyrikers Ludwig Fels hier sein wunderbares Gedicht „Erde essen“ (Quelle: https://www.poet-magazin.de/poet9-texte.htm)

Erde essen

Diese bittere Erde diese schwarze
steinige bittere Erde. Die Armut küßte die Steine.
Nachts wenn die Tiere schliefen träumten
die Menschen Schnee auf den Lippen von ihrem Blut.
Diese rauhen Gesichter der Wolken schwarz
von den schwelenden Sommern wo
majestätische Vögel im Müll verbrannten.
Zum ersten Mal Sehnsucht
mich zu streicheln blind
vom Himmel der Wunsch
nach dem Kuß eines Tiers das Erde aß.

Ziele überschreiten

„In dem Moment sehe ich sie. Um die siebzig, ihr Haar weiß und windzerzaust über einem schmalen Gesicht mit eingesunkenen blauen Augen; sie hat den starren Blick eines Menschen, der über sein ursprüngliches Ziel hinausgelaufen, aber dann einfach weitergegangen ist.“ (Ocean Vuong, Auf Erden sind wir kurz grandios)

In dieser Szene beschreibt Ocean Vuong, wie seine Mutter, Arbeiterin eines Nagelstudios, eine alte Dame als Kundin einlässt. Ungewöhnlich, da dies ein Sonntag ist, lässt er die Frau dennoch ein, weil sie einen derart verzweifelten Eindruck macht, dass er sie nicht abweisen kann. Die Dame, die von der Mutter des lyrischen Ichs massiert und versorgt wird (und an einem Bein eine Prothese trägt und auch hier um Massage bittet), wirkt noch trauriger als die Mutter selbst, die doch täglich um ihr Dasein kämpft – und ihrem Sohn allzu oft nur mit Gewalt entgegnen kann. Die ganze Szene atmet eine Verzweiflung, die am Ende dennoch ein kleines Stück gebrochen wird, dann nämlich, als die Dame zufrieden ihre Prothese wieder anzieht und sich mit den Worten „Der Herr behüte dich“ bei der Mutter bedankt. Dieser kleine Hoffnungsschimmer, dass es doch Menschen gibt, die honorieren, was man tut, durchzieht bei allem Schmerz das ganze Buch.

Zerrissenheit

„Morgen … dachte ich. Morgen bin ich weg, und ich wurde mir darüber klar, daß mir der Wunsch zu fliehen ebensowenig abhanden gekommen war wie die hartnäckige Gewohnheit zu hoffen.“ (Edna O’Brien, Die Puppe)

In diesen Worten wird die ganze Zerrissenheit der Protagonistin deutlich, die als junge Frau in ihre Heimat zurückkehrt, um dort ihre Tante zu beerdigen. Der Bestatter ist der Sohn jener Lehrerin, die ihr damals als junges Mädchen ihre geliebte Puppe genommen hat. Diese Puppe, noch immer im Besitz des Sohnes, ist nunmehr nichts weiter als ein verstaubtes Relikt alter Zeiten, die unweigerlich vorbei sind und die Frage aufwerfen, woran man sich als Mensch eigentlich festhalten kann.

Im Vorübergehen

Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar – denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond – uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen.

Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gase im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben diese zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden MItschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts voneinander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.

Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehen. (Franz Kafka, Die Vorüberlaufenden)

In diesem Stück Kurzprosa entfaltet sich in der radikal subjektiven Perspektive alles, was auch heute noch so aktuell an Kafkas Texten ist. Eine einzige soziale Situation, die unendlichen Möglichkeiten, was passieren könnte, der Rückzug des Protagonisten von der Situation, seine Angst, was geschehen könnte, die Passivität im ganzen Leben, mehr es über sich ergehen lassen denn aktiv gestalten – all dies und noch viel mehr lässt sich in diesen wenigen Zeilen finden.

Stillwerden

„Mein Ausweg ist das Stillwerden. Oft habe ich in dieser Stille plötzlich eine irrsinnige Hoffnung. Ich könnte am Schreibtisch anfangen zu heulen, weil ich überzeugt bin, es gibt eine Erlösung. Natürlich heule ich nicht, ich bin still und versuche, alles zu verstehen. Das ist auch so ein Ergebnis der Stille: Ich versuche, alles zu verstehen. Und der, der alles versteht, ist am Ende der Dumme, weil er auch noch die Leiden seiner Peiniger versteht.“ (Wilhelm Genazino, Abschaffel)

Diese Worte legt Wilhelm Genazino seinem Alter Ego „Abschaffel“ im gleichnamigen Roman in den Mund – sie könnten aber auch von ihm selbst stammen und für uns alle stehen. Vor wenigen Tagen ist Wilhelm Genazino verstorben. Wir werden seinen genauen Blick auf die Verrücktheiten zwischenmenschlichen Zusammenseins vermissen.

Hartes Wissen

„Mit dem Wort war auch die nostalgisch-melancholische Stimmung des Hinwegs wieder da, bloß erinnerte er sich mit einem Mal, woher sie ihn angeflogen hatte: Es war die Tristesse der Kinderzeit, wenn irgendwann Anfang Januar mit der weißen Schneedecke auch die ozeanische Zeit der adventlichen und weihnachtlichen Wunderdurchlässigkeit, die Lichtergemütlichkeit, der familiären Stallwärme zerschmolz und fadenscheinig wurde und wegfaulte und die ewige Spirale des neuen Jahres mit seinen Anforderungen und Bedrohungen und dem schmerzhaften Abschuppen wohltätiger Illusionen einen neuen spürbaren Anstieg nahm hin zu neuem, desillusionierendem, hartem Wissen.“(Michael Kleeberg, „Vaterjahre“)

Hier beschreibt Michael Kleeberg die melancholische Stimmung, die viele Menschen bei der Rückkehr zu ihrer Kindheit erfasst. Vor allem die Weihnachtszeit ist dafür prädestiniert, gibt sie doch am Jahresende immer Anlass dazu, Bilanz zu ziehen. So ergeht es auch „Charly“ Karlmann, die Hauptfigur des Romans „Vaterjahre“, der als junger Familienvater so oft in Situationen und eine gesellschaftliche Role gerät, die er für sich gar nicht vorgesehen hat.

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