David Emling

"It's alright, Ma, it's life and life only." (Bob Dylan)

Autor: David Emling (Seite 1 von 4)

Ziele überschreiten

„In dem Moment sehe ich sie. Um die siebzig, ihr Haar weiß und windzerzaust über einem schmalen Gesicht mit eingesunkenen blauen Augen; sie hat den starren Blick eines Menschen, der über sein ursprüngliches Ziel hinausgelaufen, aber dann einfach weitergegangen ist.“ (Ocean Vuong, Auf Erden sind wir kurz grandios)

In dieser Szene beschreibt Ocean Vuong, wie seine Mutter, Arbeiterin eines Nagelstudios, eine alte Dame als Kundin einlässt. Ungewöhnlich, da dies ein Sonntag ist, lässt er die Frau dennoch ein, weil sie einen derart verzweifelten Eindruck macht, dass er sie nicht abweisen kann. Die Dame, die von der Mutter des lyrischen Ichs massiert und versorgt wird (und an einem Bein eine Prothese trägt und auch hier um Massage bittet), wirkt noch trauriger als die Mutter selbst, die doch täglich um ihr Dasein kämpft – und ihrem Sohn allzu oft nur mit Gewalt entgegnen kann. Die ganze Szene atmet eine Verzweiflung, die am Ende dennoch ein kleines Stück gebrochen wird, dann nämlich, als die Dame zufrieden ihre Prothese wieder anzieht und sich mit den Worten „Der Herr behüte dich“ bei der Mutter bedankt. Dieser kleine Hoffnungsschimmer, dass es doch Menschen gibt, die honorieren, was man tut, durchzieht bei allem Schmerz das ganze Buch.

Neue Zeitschrift – neue Veröffentlichung

In der neuen Zeitschrift „Das Prosastück“, die von dem Autoren Arno Dahmer gegründet wurde, bin ich mit meinem lyrischen Prosatext „Selbst die Seelotsen der Reviere“ vertreten.

Hier geht’s direkt zur Zeitschrift:

http://www.das-prosastück.de

Vielen Dank an Arno Dahmer für die Gründung dieser Zeitschrift!

Möge die Qualität deiner Textsammlungen viele Leser anziehen.

Zerrissenheit

„Morgen … dachte ich. Morgen bin ich weg, und ich wurde mir darüber klar, daß mir der Wunsch zu fliehen ebensowenig abhanden gekommen war wie die hartnäckige Gewohnheit zu hoffen.“ (Edna O’Brien, Die Puppe)

In diesen Worten wird die ganze Zerrissenheit der Protagonistin deutlich, die als junge Frau in ihre Heimat zurückkehrt, um dort ihre Tante zu beerdigen. Der Bestatter ist der Sohn jener Lehrerin, die ihr damals als junges Mädchen ihre geliebte Puppe genommen hat. Diese Puppe, noch immer im Besitz des Sohnes, ist nunmehr nichts weiter als ein verstaubtes Relikt alter Zeiten, die unweigerlich vorbei sind und die Frage aufwerfen, woran man sich als Mensch eigentlich festhalten kann.

Rezension zur neuen „Wortschau“

Auf der Literaturplattform „Fixpoetry“ ist eine spannende Rezension zur aktuellen „Wortschau“ erschienen.

Hier geht’s zum Text, in dem auch über „Ferner Schlaf“ gesprochen wird:

https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/wolfgang-allinger/johanna-hansen/wortschau-33-literaturmagazin

Wortschau Nr. 33 mit „Ferner Schlaf“ erschienen

Meine Kurzgeschichte „Ferner Schlaf“ ist in der aktuellen Wortschau erschienen.

Die Ausgabe Nr. 33 unter dem Titel „Vorhang auf!“ ist nun erhältlich.

Für Bestellungen und weitere Infos hier klicken: http://www.wortschau.com/Hefte/

Im Vorübergehen

Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar – denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond – uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen.

Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gase im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben diese zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden MItschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts voneinander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.

Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehen. (Franz Kafka, Die Vorüberlaufenden)

In diesem Stück Kurzprosa entfaltet sich in der radikal subjektiven Perspektive alles, was auch heute noch so aktuell an Kafkas Texten ist. Eine einzige soziale Situation, die unendlichen Möglichkeiten, was passieren könnte, der Rückzug des Protagonisten von der Situation, seine Angst, was geschehen könnte, die Passivität im ganzen Leben, mehr es über sich ergehen lassen denn aktiv gestalten – all dies und noch viel mehr lässt sich in diesen wenigen Zeilen finden.

„Ferner Schlaf“ auf Youtube

Bei der Veranstaltung „Aus der Kaktushecke“ des Autorennetzwerks TeXtur wurde auch meine Lesung von „Ferner Schlaf“ aufgenommen.

Hier geht’s zur Lesung:

https://www.youtube.com/watch?v=t5W7_ngghDs

Ein großer Dank an Anton Dück.

Neues Projekt – Sprache und Musik mit Claus Boesser-Ferrari

Im neuen Jahr 2019 werde ich gemeinsam mit dem Improvisations-Gitarristen Claus Boesser-Ferrari auftreten.

Hier gehts zur Homepage von Claus Boesser-Ferrari: http://boesser-ferrari.de/

Meine Texte werden von mir gelesen und anschließend von Boesser-Ferrari vertont und damit auf nochmals ganz andere Weise zugänglich gemacht.

Bisherige Termine:

– 22.3, Peters Musikzimmer, Leinsweiler http://peters-musikzimmer.de/Events-2019/

– 03.04, Lesebühne Literaturhaus Darmstadt (https://www.literaturhaus-darmstadt.de/programm/david-emling-text-claus-boesser-ferrari-gitarre/)

– 19.05, Herrenhof Neustadt-Mußbach, beim Kulturfestival „Gefühlte und gelebte Heimat“ im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz. Hier werden wir gemeinsam mit meinen Freundinnen und Freunden von „TeXtur“ auftreten ( https://textur-neustadt.de/ueber-mich )

– 14.6, Prot. Kirche Leinsweiler, mit weiteren Künstlern, darunter Johannes Tonio Kreusch an der Gitarre und Martina Weber mit Texten

Stillwerden

„Mein Ausweg ist das Stillwerden. Oft habe ich in dieser Stille plötzlich eine irrsinnige Hoffnung. Ich könnte am Schreibtisch anfangen zu heulen, weil ich überzeugt bin, es gibt eine Erlösung. Natürlich heule ich nicht, ich bin still und versuche, alles zu verstehen. Das ist auch so ein Ergebnis der Stille: Ich versuche, alles zu verstehen. Und der, der alles versteht, ist am Ende der Dumme, weil er auch noch die Leiden seiner Peiniger versteht.“ (Wilhelm Genazino, Abschaffel)

Diese Worte legt Wilhelm Genazino seinem Alter Ego „Abschaffel“ im gleichnamigen Roman in den Mund – sie könnten aber auch von ihm selbst stammen und für uns alle stehen. Vor wenigen Tagen ist Wilhelm Genazino verstorben. Wir werden seinen genauen Blick auf die Verrücktheiten zwischenmenschlichen Zusammenseins vermissen.

Hartes Wissen

„Mit dem Wort war auch die nostalgisch-melancholische Stimmung des Hinwegs wieder da, bloß erinnerte er sich mit einem Mal, woher sie ihn angeflogen hatte: Es war die Tristesse der Kinderzeit, wenn irgendwann Anfang Januar mit der weißen Schneedecke auch die ozeanische Zeit der adventlichen und weihnachtlichen Wunderdurchlässigkeit, die Lichtergemütlichkeit, der familiären Stallwärme zerschmolz und fadenscheinig wurde und wegfaulte und die ewige Spirale des neuen Jahres mit seinen Anforderungen und Bedrohungen und dem schmerzhaften Abschuppen wohltätiger Illusionen einen neuen spürbaren Anstieg nahm hin zu neuem, desillusionierendem, hartem Wissen.“(Michael Kleeberg, „Vaterjahre“)

Hier beschreibt Michael Kleeberg die melancholische Stimmung, die viele Menschen bei der Rückkehr zu ihrer Kindheit erfasst. Vor allem die Weihnachtszeit ist dafür prädestiniert, gibt sie doch am Jahresende immer Anlass dazu, Bilanz zu ziehen. So ergeht es auch „Charly“ Karlmann, die Hauptfigur des Romans „Vaterjahre“, der als junger Familienvater so oft in Situationen und eine gesellschaftliche Role gerät, die er für sich gar nicht vorgesehen hat.

Ältere Beiträge

© 2019 David Emling

Theme von Anders NorénHoch ↑