David Emling

"It's alright, Ma, it's life and life only." (Bob Dylan)

Autor: David Emling (Seite 1 von 3)

Im Vorübergehen

Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar – denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond – uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen.

Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gase im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben diese zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden MItschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts voneinander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.

Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehen. (Franz Kafka, Die Vorüberlaufenden)

In diesem Stück Kurzprosa entfaltet sich in der radikal subjektiven Perspektive alles, was auch heute noch so aktuell an Kafkas Texten ist. Eine einzige soziale Situation, die unendlichen Möglichkeiten, was passieren könnte, der Rückzug des Protagonisten von der Situation, seine Angst, was geschehen könnte, die Passivität im ganzen Leben, mehr es über sich ergehen lassen denn aktiv gestalten – all dies und noch viel mehr lässt sich in diesen wenigen Zeilen finden.

„Ferner Schlaf“ auf Youtube

Bei der Veranstaltung „Aus der Kaktushecke“ des Autorennetzwerks TeXtur wurde auch meine Lesung von „Ferner Schlaf“ aufgenommen.

Hier geht’s zur Lesung:

https://www.youtube.com/watch?v=t5W7_ngghDs

Ein großer Dank an Anton Dück.

Neues Projekt – Sprache und Musik mit Claus Boesser-Ferrari

Im neuen Jahr 2019 werde ich gemeinsam mit dem Improvisations-Gitarristen Claus Boesser-Ferrari auftreten.

Hier gehts zur Homepage von Claus Boesser-Ferrari: http://boesser-ferrari.de/

Meine Texte werden von mir gelesen und anschließend von Boesser-Ferrari vertont und damit auf nochmals ganz andere Weise zugänglich gemacht.

Bisherige Termine:

– 22.3, Peters Musikzimmer, Leinsweiler http://peters-musikzimmer.de/Events-2019/

– 03.04, Lesebühne Literaturhaus Darmstadt (https://www.literaturhaus-darmstadt.de/programm/david-emling-text-claus-boesser-ferrari-gitarre/)

– 19.05, Herrenhof Neustadt-Mußbach, beim Kulturfestival „Gefühlte und gelebte Heimat“ im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz. Hier werden wir gemeinsam mit meinen Freundinnen und Freunden von „TeXtur“ auftreten ( https://textur-neustadt.de/ueber-mich )

– 14.6, Prot. Kirche Leinsweiler, mit weiteren Künstlern, darunter Johannes Tonio Kreusch an der Gitarre und Martina Weber mit Texten

Stillwerden

„Mein Ausweg ist das Stillwerden. Oft habe ich in dieser Stille plötzlich eine irrsinnige Hoffnung. Ich könnte am Schreibtisch anfangen zu heulen, weil ich überzeugt bin, es gibt eine Erlösung. Natürlich heule ich nicht, ich bin still und versuche, alles zu verstehen. Das ist auch so ein Ergebnis der Stille: Ich versuche, alles zu verstehen. Und der, der alles versteht, ist am Ende der Dumme, weil er auch noch die Leiden seiner Peiniger versteht.“ (Wilhelm Genazino, Abschaffel)

Diese Worte legt Wilhelm Genazino seinem Alter Ego „Abschaffel“ im gleichnamigen Roman in den Mund – sie könnten aber auch von ihm selbst stammen und für uns alle stehen. Vor wenigen Tagen ist Wilhelm Genazino verstorben. Wir werden seinen genauen Blick auf die Verrücktheiten zwischenmenschlichen Zusammenseins vermissen.

Hartes Wissen

„Mit dem Wort war auch die nostalgisch-melancholische Stimmung des Hinwegs wieder da, bloß erinnerte er sich mit einem Mal, woher sie ihn angeflogen hatte: Es war die Tristesse der Kinderzeit, wenn irgendwann Anfang Januar mit der weißen Schneedecke auch die ozeanische Zeit der adventlichen und weihnachtlichen Wunderdurchlässigkeit, die Lichtergemütlichkeit, der familiären Stallwärme zerschmolz und fadenscheinig wurde und wegfaulte und die ewige Spirale des neuen Jahres mit seinen Anforderungen und Bedrohungen und dem schmerzhaften Abschuppen wohltätiger Illusionen einen neuen spürbaren Anstieg nahm hin zu neuem, desillusionierendem, hartem Wissen.“(Michael Kleeberg, „Vaterjahre“)

Hier beschreibt Michael Kleeberg die melancholische Stimmung, die viele Menschen bei der Rückkehr zu ihrer Kindheit erfasst. Vor allem die Weihnachtszeit ist dafür prädestiniert, gibt sie doch am Jahresende immer Anlass dazu, Bilanz zu ziehen. So ergeht es auch „Charly“ Karlmann, die Hauptfigur des Romans „Vaterjahre“, der als junger Familienvater so oft in Situationen und eine gesellschaftliche Role gerät, die er für sich gar nicht vorgesehen hat.

Ankündigung – neue Veröffentlichung

In Kürze wird meine Kurzgeschichte „Ferner Schlaf“ gleich auf zwei Kanälen zu lesen sein.

Zum Einen auf der Kurzgeschichtenplattform „smartstorys“, bei der man einen kurzfristigen Zugang erwerben und diverse Kurzgeschichten lesen kann (www.smartstorys.at)

Zum Anderen wird „Ferner Schlaf“ Anfang 2019 in der nächsten Ausgabe der „Wortschau“ erscheinen. Infos und News finden sich auf www.wortschau.com

 

 

Richtungsentscheidung

„Wenn man wüsste, in welche Richtung das alles gehen, was geschehen wird. Es ist nicht ganz einfach, die Wirklichkeit einschätzen und sich festlegen zu müssen, obwohl die Umstände, die man sich wünscht, im Angebot nicht geführt werden.“ (Arno Geiger, „Es geht uns gut“)

Mit diesem Satz, den der Autor einem der Protagonisten, Dr. Richard Sterk, in den Mund legt, zeigt Geiger auf, was im Zentrum des Romans steht. Auch wenn verschiedene Mitglieder einer Wiener Familie über rund 7 Jahrzehnte hinweg verschiedenste Gefühlsregungen, politische Umwälzungen sowie umgekehrt depressive Einsamkeit und Langeweile erleben, bleibt ihnen eines gemein: Die Unvorhersehbarkeit des Lebens selbst. Sie ist es, die alle miteinander verbindet und ihnen gleichermaßen die großen Aufgaben und Richtungsentscheidungen im Leben abtrotzt – ohne dass die Betroffenen eine Vorstellung davon haben, ob sie das Richtige tun.

Neue Veranstaltungsreihe in Ludwigshafen

Im neu gegründeten Kulturcafé „Franz und Lissy“ in der Lisztstraße 176 in Ludwigshafen werde ich im November gemeinsam mit Eleonore Hefner von „Kultur Rhein-Neckar“ zwei Veranstaltungen moderieren.

Unter dem Stichwort „Kunst und Politik“ diskutieren wir mit Politikern und Künstlerinnen über die Verbindung von Kunst und Politik und wie das Verhältnis beider beschaffen ist und/oder vielleicht sein sollte.

Termine:

Mittwoch, 14. November, 19 Uhr, mit dem Lyriker Hasan Özdemir und der Politikerin Giorgina Kazungu-Haß

Dienstag, 27. November, 19 Uhr, Austellungseröffnung und Buchvorstellung von Wolfgang Vogel, zum Briefwechsel von Rosa Luxemburg und Sophie Liebknecht

Weitere Infos in Kürze unter http://www.franz-und-lissy.de

Das Bett, ein Gefängnis

„Du bist nicht unbedeutend, sagten sie ihm. Du hast Freunde. Die Leute bewundern deine Arbeit. Er war schließlich ein guter Vater – mit anderen Worten ein schwacher Mann. Wahre Qualität war etwas anderes, sie war unaufhaltsam, mörderisch, sie hinterließ Opfer wie jede andere Aggression.; kurz gesagt, sie eroberte. […]

Die Nacht bricht herein. Die Kälte liegt auf den Feldern. Das Gras wird zu Stein. Im Bett lag er wie ein Mann im Gefängnis, der vom Leben träumt.“ (James Salter, „Lichtjahre“)

James Salter ist einer jener Autoren, die es vermögen, die vermeintliche Langeweile einer Ehe und eines „erfolgreichen Lebens“ in seiner ganzen Intensität und Tiefe zu erzählen. So auch in „Lichtjahre“, in dem das gut betuchte Paar Viri und Nedra ein solch erfolgreiches Leben führt, aber die Schatten der Vergangenheit sie einholen und die Idylle mehr und mehr bedrohen. So wenig braucht Salter, um die Risse dieses Bildes zu beschreiben.

Being wrong

The fact remains that getting people right is not what living is all about anyway. It’s getting them wrong that is living, getting them wrong and wrong and wrong and then, on careful reconsideration, getting them wrong again. That’s how we know we’re alive: we’re wrong. Maybe the best thing would be to forget being right or wrong about people and just go along for the ride. But if you can do that – well, lucky you. (Philip Roth, „American Pastoral“/ „Amerikanisches Idyll“)

In diesem Werk erzählt Roth die Geschichte des erfolgreichen amerikanischen Einwanderers Seymour Levov und dessen Beziehung zu seiner Tochter Merry. Diese lehnt sich mit 16 Jahren gegen ihren vermeintlich erfolgreichen Vater auf und wird erst zu einer radikalen Terroristin, die für ein Bombenattentat verantwortlich ist, am Ende dann (nach radikaler Wandlung) zu einer asketisch lebenden Jaina, die kein Leben auf dieser Welt gefährden will. In der Mitte dieser unvereinbaren Lebenswelten steht Seymour, ein stets bemühter Vater, Unternehmer und erfolgreich ins Vorort-Leben eingebundener Mensch, der dieses Leben seiner Tochter nicht versteht und nie verstehen wird. Ist das vielleicht unser Schicksal, auf die Spitze getrieben? Wie können wir es schaffen, ein Leben zu führen, das einfach „nur“ gut ist? Roth lässt uns völlig im Unklaren und überlässt es damit dem Leser, eine Antwort (zumindest für sich) zu finden – und wenn sie nur darin besteht, ein Verständnis für den anderen als übertriebenen Anspruch an sich selbst aufzugeben.

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