David Emling

"It's alright, Ma, it's life and life only." (Bob Dylan)

Kategorie: Zitat des Monats (Seite 1 von 2)

Ehrliche Liebe

Die ehrliche Liebe zwischen zwei Menschen folgt keiner Choreographie. Man kennt die Schritte vorher – auch wenn man es vielleicht noch gar nicht weiß.

Ein eigenes Zitat in Anlehnung an einen Satz aus Dana Grigorceas „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“ – und meine literarische Antwort auf die Geburt meiner Tochter Anna-Maria am 17.4.2018 und die Liebe zu meiner Frau.

Feierabendliche Goldränder

Ausgepumpte, fast reglos in ihren Stühlen liegende Menschen empfinde ich als besonders schön. Sie wirken, mild von der Sonne beschienen, wie die endlich zur Betrachtung freigegebenen feierabendlichen Goldränder unserer Leistungsgesellschaft.“ (Wilhelm Genazino, „Das Glück in glücksfernen Zeiten“)

In diesen ersten Sätzen seines Romans deutet Genazino an, worum es im Folgenden geht. Sein Protagonist Gerhard Warlich sitzt nach einem langen Arbeitstag in einem Café und beobachtet die Menschen um sich.  Es geht ihnen offenbar allen wie ihm: Sie sind müde, fertig, entkräftet, von einer Arbeit, die sie ernährt, aber dumpf zurücklässt. Und der Beobachter Warlich, vom Leben übermannt, fragt sich: Muss das so sein? Geht leben/Leben nicht auch anders? Es ist diese eine Frage, die dem ganzen Roman seine subtile Sprengkraft verleiht und den Leser mit der gleichen Frage zurücklässt, die wir alle für uns selbst zu beantworten haben.

Zufriedenheit

Und es begann dieses beschwingte Geplauder zufriedener Menschen, die nichts als einsehen, dass es ein schöner Tag ist, mit einer hellen Sonne und weißen Schwänen auf dem See, in einer der schönsten Städte der Welt, mit freundlichen, sorglos wirkenden Menschen.“ (Dana Grigorcea, „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“)

 

Mit diesen Worten zu Beginn ihrer Novelle „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“ rahmt Dana Grigorcea die Handlung einer Liebesgeschichte. Die eigentlich in den hohen Kreisen der Stadt Zürich verkehrende Ballerina Anna lernt zufällig den Gärtner Gürkan kennen, der ihr auf Anhieb sympathisch ist. Sie mögen und verlieben sich. Die Autorin zeigt mit diesen Worten, wie einfach eine Beziehung zwischen zwei Menschen sein kann, die sich gern haben und schließlich lieben lernen. Es sind keine großen Erkenntnisse und theoretischen Gedanken, wie sie Annas liebenswürdiger und bemühter Mann, vor allem aber ihre Berufswelt, die Kunst, von sich geben, die der Protagonistin wie auch dem Leser im Gedächtnis bleiben. Es sind jene einfachen, und dadurch wahrhaften Begegnungen, die im Leben so wichtig zu sein scheinen und es deshalb lebenswert machen.

 

 

Abschluss

Als es dunkel wurde, ging sie nach Hause. Niemand wartete dort auf sie. Die Luft war immer noch wie am Mittag, als wäre die Dämmerung in der Stadt nur eine Fehlleistung der Augen. Straßenlaternen: Lichtkneipen für Insekten. Schaufensterpuppen: Cartoonfiguren in den Kleidern ihrer Zeichner. Und Sterne: Welten, die so klein waren, dass Hunderte von ihnen zwischen ein paar abendliche Baumäste passten. (Clemens J. Setz, „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“)

Mit diesen Worten schließt Clemens J. Setz das erste Kapitel seines tausendseitigen Romans „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ ab, das er mutigerweise „Abschluss“ nennt. Und genau das schafft er: Obwohl der Leser sich auf eine ergreifende Geschichte freuen kann (Klaus Kastberger, Jury-Mitglied des Ingeborg-Bachmann-Preises, sagt nicht zu unrecht, dass man an diesem Roman nicht vorbeikommen kann oder besser dürfte) und wir erst am Anfang sind, ist in diesen ersten Seiten schon vieles, mit wenigen Worten eigentlich alles „abschließend“ über die Protagonistin, ihr Leben und die Stimmung, in der das Folgende sich abspielt, gesagt.

 

Wenn wir Glück haben

„Wenn wir Glück haben, Autor wie Leser, dann sitzen wir nach den letzten Zeilen einer Kurzgeschichte einfach nur eine Minute da, ganz still. Im Idealfall denken wir nach über das, was wir gerade geschrieben oder gelesen haben. Vielleicht hat sich unser Herz oder unser Verstand ein wenig von der Stelle bewegt. Unsere Körpertemperatur ist gestiegen oder gefallen. Und dann atmen wir ruhig und regelmäßig, wir reißen uns zusammen, Autor wie Leser, stehen auf und wenden uns wieder dem Nächstliegenden zu. Dem Leben. Immer dem Leben.“ (Raymond Carver)

Mit diesen Worten beschreibt der amerikanische Meister der Kurzgeschichte Raymond Carver, was wir als Autoren ebenso wie als Menschen von der Literatur erwarten dürfen. Ein kurzes Innehalten, ein kleiner Ausbruch aus dem Leben, wie es uns als gegeben erscheint – mehr kann es nie sein, und doch ist vielleicht gerade das genug. Wenn wir Glück haben zumindest.

Verlässliche Größe im Leben?

„Das Gedächtnis ist keine verlässliche Größe im Leben, aus dem einfachen Grund, dass für das Gedächtnis nicht die Wahrheit wichtig ist.“ (Karl Ove Knausgard, „Spielen“)

Im dritten Roman seinen sechsbändigen autobiografischen Werks „Min Kamp“ schreibt Karl Ove Knausgard über seine Kindheit. Es ist wie so oft bei großen Schriftstellern: In den Texten passiert wenig bis nichts, und doch gärt es unter der Oberfläche. Es ist dieses Gären, das der Autor schonungslos beschreibt und doch die Perspektive eines Kindes übernehmen kann, das sich noch über Pfannkuchen und ein nachmittägliches Fußballspiel am Fernseher mit seinem Bruder und Vater freut – und bei all dem schon früh lernt, wie kompliziert das Leben sein kann und das nichts, aber auch gar nichts, einfach ist.

 

Zwischen den Zeilen

1

Es gibt viele schöne Dinge

für ein Gedicht, die ein Gedicht

nicht mehr brauchen,

weil sie so schön sind.

 

2

Dennoch, ich wollte sie nennen, alle,

bis zur weißen Blüte der Kirsche.

 

3

Aber immer, zwischen den Zeilen,

bleibt etwas übrig. (Kurt Drawert, „Zwischen den Zeilen“)

Mit diesem Gedicht beschreibt Kurt Drawert die Wichtigkeit und Bedeutung des literarischen Schreibens auch und gerade in unserer heutigen Zeit. Und deshalb bleibt nur, ihn auch hier zu zitieren mit folgenden Worten:

„Aber kann eigentlich etwas schwieriger, komplexer und rätselhafter sein, als das Leben selbst, das zu verstehen wir uns bemühen mit den Mitteln der Sprache und der Literatur? Wo sind wir hingekommen, wenn wir keine Instanz mehr suchen, die das Leben dort reflektiert, wo es festgefahren ist und in der Sackgasse steckt. […] Mit dem Schönen können wir sehr gut allein sein, mit dem Unglück nicht.“

Bestand auf ewig?

„Wie wenig fällt ein Haus ins Gewicht, sobald es weg ist. Wie mühelos, fast zärtlich macht die Welt ihre alten Ansprüche geltend und nimmt wieder ihre ursprüngliche Gestalt an. […] Die starke Hand eines ordentlichen Hurrikans hat etwas für sich, sie macht dem Leben unsanft klar, wie relativ alles ist. Wann immer wir ein bisschen anders auf etwas reagieren, als wir eigentlich erwartet hatten, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.“ (Richard Ford, „Frank“)

Die Worte von Frank Bascombe, Richard Fords Altem Ego, im bisher vierten und letzten Buch der Frank Bascombe Reihe. Frank streift durch das von Hurricane Sandy zerstörte Sea Clift und sieht sein ehemaliges Haus vom Fundament gerissen und auf den Ozean gespült. Der Besitzer, ein ehemaliger Freund, bittet ihn um Rat. Und da steht er, außerhalb seines früheren Lebens und doch drinnen, und fragt sich, wie er nur selbst reagieren würde. Wir wissen es nicht, Frank weiß es nicht; was bleibt ist die Haltung, vieles, auch ein Haus, nicht allzu wichtig zu nehmen. Wir sind nur sehr kurz auf dieser Welt; vielleicht sollte man deshalb nicht zu viel Zeit damit verschwenden, Vergangenem nachzutrauern – wenngleich Frank und wir wissen, wie schwer, vielleicht auch unmöglich das ist.

Hustend durch die Straßen

Alle husten. Die ganze Stadt hustet. Kaum fünf Minuten der Weg. Und doch war mir, als ob wir jeden Abend hustend an diesen Plakatwänden und Befehlen und hier an den engen traurigen Mauern vorbei, als ob wir schon unser Leben lang müd und verloren heimgehen. Keine Wörter mehr. Ohne Wörter, was sollst du dir wünschen? Müd heim am Abend. (Peter Kurzeck, Übers Eis)

Der tägliche Kampf, den doch alle irgendwie zu kämpfen haben. Am Ende die Frage, was man sich eigentlich noch wünscht, genauer, sich zu wünschen traut? Ist es nur das – am Abend nach Hause kommen, irgendwie?

 

Fotografie eines Lebens

Alles, was um ihn herum war, erstarrte zu einer Szene, zu einer Fotografie, die ihm ein Fremder auf den Schreibtisch legte und ihn dann fragte: Können Sie mir erklären, warum das Ihre Welt ist? Wilhelm Genazino, „Die Vernichtung der Sorgen“

Das Treffende an diesem Satz: Jeder von uns kann sich genau diese Frage stellen, tut es im Laufe seines Lebens sicher sehr oft; und das Schwere daran ist, eine Antwort zu finden.

 

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