David Emling

"It's alright, Ma, it's life and life only." (Bob Dylan)

Kategorie: Zitat des Monats (Seite 1 von 2)

Ziele überschreiten

„In dem Moment sehe ich sie. Um die siebzig, ihr Haar weiß und windzerzaust über einem schmalen Gesicht mit eingesunkenen blauen Augen; sie hat den starren Blick eines Menschen, der über sein ursprüngliches Ziel hinausgelaufen, aber dann einfach weitergegangen ist.“ (Ocean Vuong, Auf Erden sind wir kurz grandios)

In dieser Szene beschreibt Ocean Vuong, wie seine Mutter, Arbeiterin eines Nagelstudios, eine alte Dame als Kundin einlässt. Ungewöhnlich, da dies ein Sonntag ist, lässt er die Frau dennoch ein, weil sie einen derart verzweifelten Eindruck macht, dass er sie nicht abweisen kann. Die Dame, die von der Mutter des lyrischen Ichs massiert und versorgt wird (und an einem Bein eine Prothese trägt und auch hier um Massage bittet), wirkt noch trauriger als die Mutter selbst, die doch täglich um ihr Dasein kämpft – und ihrem Sohn allzu oft nur mit Gewalt entgegnen kann. Die ganze Szene atmet eine Verzweiflung, die am Ende dennoch ein kleines Stück gebrochen wird, dann nämlich, als die Dame zufrieden ihre Prothese wieder anzieht und sich mit den Worten „Der Herr behüte dich“ bei der Mutter bedankt. Dieser kleine Hoffnungsschimmer, dass es doch Menschen gibt, die honorieren, was man tut, durchzieht bei allem Schmerz das ganze Buch.

Zerrissenheit

„Morgen … dachte ich. Morgen bin ich weg, und ich wurde mir darüber klar, daß mir der Wunsch zu fliehen ebensowenig abhanden gekommen war wie die hartnäckige Gewohnheit zu hoffen.“ (Edna O’Brien, Die Puppe)

In diesen Worten wird die ganze Zerrissenheit der Protagonistin deutlich, die als junge Frau in ihre Heimat zurückkehrt, um dort ihre Tante zu beerdigen. Der Bestatter ist der Sohn jener Lehrerin, die ihr damals als junges Mädchen ihre geliebte Puppe genommen hat. Diese Puppe, noch immer im Besitz des Sohnes, ist nunmehr nichts weiter als ein verstaubtes Relikt alter Zeiten, die unweigerlich vorbei sind und die Frage aufwerfen, woran man sich als Mensch eigentlich festhalten kann.

Im Vorübergehen

Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar – denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond – uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen.

Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gase im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben diese zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden MItschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts voneinander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.

Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehen. (Franz Kafka, Die Vorüberlaufenden)

In diesem Stück Kurzprosa entfaltet sich in der radikal subjektiven Perspektive alles, was auch heute noch so aktuell an Kafkas Texten ist. Eine einzige soziale Situation, die unendlichen Möglichkeiten, was passieren könnte, der Rückzug des Protagonisten von der Situation, seine Angst, was geschehen könnte, die Passivität im ganzen Leben, mehr es über sich ergehen lassen denn aktiv gestalten – all dies und noch viel mehr lässt sich in diesen wenigen Zeilen finden.

Stillwerden

„Mein Ausweg ist das Stillwerden. Oft habe ich in dieser Stille plötzlich eine irrsinnige Hoffnung. Ich könnte am Schreibtisch anfangen zu heulen, weil ich überzeugt bin, es gibt eine Erlösung. Natürlich heule ich nicht, ich bin still und versuche, alles zu verstehen. Das ist auch so ein Ergebnis der Stille: Ich versuche, alles zu verstehen. Und der, der alles versteht, ist am Ende der Dumme, weil er auch noch die Leiden seiner Peiniger versteht.“ (Wilhelm Genazino, Abschaffel)

Diese Worte legt Wilhelm Genazino seinem Alter Ego „Abschaffel“ im gleichnamigen Roman in den Mund – sie könnten aber auch von ihm selbst stammen und für uns alle stehen. Vor wenigen Tagen ist Wilhelm Genazino verstorben. Wir werden seinen genauen Blick auf die Verrücktheiten zwischenmenschlichen Zusammenseins vermissen.

Hartes Wissen

„Mit dem Wort war auch die nostalgisch-melancholische Stimmung des Hinwegs wieder da, bloß erinnerte er sich mit einem Mal, woher sie ihn angeflogen hatte: Es war die Tristesse der Kinderzeit, wenn irgendwann Anfang Januar mit der weißen Schneedecke auch die ozeanische Zeit der adventlichen und weihnachtlichen Wunderdurchlässigkeit, die Lichtergemütlichkeit, der familiären Stallwärme zerschmolz und fadenscheinig wurde und wegfaulte und die ewige Spirale des neuen Jahres mit seinen Anforderungen und Bedrohungen und dem schmerzhaften Abschuppen wohltätiger Illusionen einen neuen spürbaren Anstieg nahm hin zu neuem, desillusionierendem, hartem Wissen.“(Michael Kleeberg, „Vaterjahre“)

Hier beschreibt Michael Kleeberg die melancholische Stimmung, die viele Menschen bei der Rückkehr zu ihrer Kindheit erfasst. Vor allem die Weihnachtszeit ist dafür prädestiniert, gibt sie doch am Jahresende immer Anlass dazu, Bilanz zu ziehen. So ergeht es auch „Charly“ Karlmann, die Hauptfigur des Romans „Vaterjahre“, der als junger Familienvater so oft in Situationen und eine gesellschaftliche Role gerät, die er für sich gar nicht vorgesehen hat.

Richtungsentscheidung

„Wenn man wüsste, in welche Richtung das alles gehen, was geschehen wird. Es ist nicht ganz einfach, die Wirklichkeit einschätzen und sich festlegen zu müssen, obwohl die Umstände, die man sich wünscht, im Angebot nicht geführt werden.“ (Arno Geiger, „Es geht uns gut“)

Mit diesem Satz, den der Autor einem der Protagonisten, Dr. Richard Sterk, in den Mund legt, zeigt Geiger auf, was im Zentrum des Romans steht. Auch wenn verschiedene Mitglieder einer Wiener Familie über rund 7 Jahrzehnte hinweg verschiedenste Gefühlsregungen, politische Umwälzungen sowie umgekehrt depressive Einsamkeit und Langeweile erleben, bleibt ihnen eines gemein: Die Unvorhersehbarkeit des Lebens selbst. Sie ist es, die alle miteinander verbindet und ihnen gleichermaßen die großen Aufgaben und Richtungsentscheidungen im Leben abtrotzt – ohne dass die Betroffenen eine Vorstellung davon haben, ob sie das Richtige tun.

Das Bett, ein Gefängnis

„Du bist nicht unbedeutend, sagten sie ihm. Du hast Freunde. Die Leute bewundern deine Arbeit. Er war schließlich ein guter Vater – mit anderen Worten ein schwacher Mann. Wahre Qualität war etwas anderes, sie war unaufhaltsam, mörderisch, sie hinterließ Opfer wie jede andere Aggression.; kurz gesagt, sie eroberte. […]

Die Nacht bricht herein. Die Kälte liegt auf den Feldern. Das Gras wird zu Stein. Im Bett lag er wie ein Mann im Gefängnis, der vom Leben träumt.“ (James Salter, „Lichtjahre“)

James Salter ist einer jener Autoren, die es vermögen, die vermeintliche Langeweile einer Ehe und eines „erfolgreichen Lebens“ in seiner ganzen Intensität und Tiefe zu erzählen. So auch in „Lichtjahre“, in dem das gut betuchte Paar Viri und Nedra ein solch erfolgreiches Leben führt, aber die Schatten der Vergangenheit sie einholen und die Idylle mehr und mehr bedrohen. So wenig braucht Salter, um die Risse dieses Bildes zu beschreiben.

Being wrong

The fact remains that getting people right is not what living is all about anyway. It’s getting them wrong that is living, getting them wrong and wrong and wrong and then, on careful reconsideration, getting them wrong again. That’s how we know we’re alive: we’re wrong. Maybe the best thing would be to forget being right or wrong about people and just go along for the ride. But if you can do that – well, lucky you. (Philip Roth, „American Pastoral“/ „Amerikanisches Idyll“)

In diesem Werk erzählt Roth die Geschichte des erfolgreichen amerikanischen Einwanderers Seymour Levov und dessen Beziehung zu seiner Tochter Merry. Diese lehnt sich mit 16 Jahren gegen ihren vermeintlich erfolgreichen Vater auf und wird erst zu einer radikalen Terroristin, die für ein Bombenattentat verantwortlich ist, am Ende dann (nach radikaler Wandlung) zu einer asketisch lebenden Jaina, die kein Leben auf dieser Welt gefährden will. In der Mitte dieser unvereinbaren Lebenswelten steht Seymour, ein stets bemühter Vater, Unternehmer und erfolgreich ins Vorort-Leben eingebundener Mensch, der dieses Leben seiner Tochter nicht versteht und nie verstehen wird. Ist das vielleicht unser Schicksal, auf die Spitze getrieben? Wie können wir es schaffen, ein Leben zu führen, das einfach „nur“ gut ist? Roth lässt uns völlig im Unklaren und überlässt es damit dem Leser, eine Antwort (zumindest für sich) zu finden – und wenn sie nur darin besteht, ein Verständnis für den anderen als übertriebenen Anspruch an sich selbst aufzugeben.

Das Leben in einem Zimmer

„Dieses Zimmer – wenn du es einmal betreten hast, kommst du nie wieder richtig raus. Du kannst vergessen, dass du dort bist, du kannst weitermachen, so als hättest du alles unter Kontrolle, als wäre der Verlauf deines Lebens, ja sogar seine Länge, ein Ausdruck deiner Charakterstärke und der Klugheit deiner Entscheidungen. Und dann kommt der Augenblick, da du an einem sonnigen Märztag in der Kurve auf eine vereiste Stelle kommst und das Steuer in deiner Hand wird zu einem Witz und du bist nur noch Zuschauer deiner träumerischen Rutschpartie in den Abgrund, und dann weißt du wieder, wo du bist.“ (Tobias Wolff, Dieses Zimmer, aus: Unsere Geschichte beginnt, Erzählungen)

Mit diesen Worten beschreibt Tobias Wolff mithilfe der Metapher des Zimmers, wie unsicher unser Leben immer ist – und dass das Wissen darum uns nie wieder verlassen wird. Die metaphorische Verdichtung auf einen Raum, in dem man sich im übertragenen Sinne ein Leben lang aufhält, steht für die Unmöglichkeit, trotz aller Vermeidung von Risiken ein gleichsam sicheres Leben zu führen. Eine einzige vereiste Stelle auf der Straße des Lebens (und zwar an einem sonnigen Märztag, also völlig unerwartet) kann reichen, um das Steuer vollkommen aus der Hand und vermeintliche Gewissheiten für immer zu verlieren.

Ehrliche Liebe

Die ehrliche Liebe zwischen zwei Menschen folgt keiner Choreographie. Man kennt die Schritte vorher – auch wenn man es vielleicht noch gar nicht weiß.

Ein eigenes Zitat in Anlehnung an einen Satz aus Dana Grigorceas „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“ – und meine literarische Antwort auf die Geburt meiner Tochter Anna-Maria am 17.4.2018 und die Liebe zu meiner Frau.

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